Coaching Club
Registrierung Kalender Mitgliederliste Teammitglieder Suche Häufig gestellte Fragen Zur Startseite

Coaching Club » Öffentliche Foren » Leit(d)artikel » Leidartikel » Hallo Gast [Anmelden|Registrieren]
Letzter Beitrag | Erster ungelesener Beitrag Druckvorschau | An Freund senden | Thema zu Favoriten hinzufügen
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Zum Ende der Seite springen Leidartikel
Autor
Beitrag « Vorheriges Thema | Nächstes Thema »
Peter-W. Gester
In Memoriam: Georgia O'Keeffe und Alfred Stieglitz


images/avatars/avatar-589.jpg

Dabei seit: 08.01.2004
Beiträge: 862

Leidartikel Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Die Havarie einer „Expertin“ in der Oliver Geissen Show und der theoriearme Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Beobachtungen, Argumente, lockeres und strenges Denken, die Weisheit des Rock ’n’ Roll und Uta-napischti der Coach von Gilgamesch.


In der zweiten März Woche zappte ich zufällig in die Oliver Geissen (Freak) Show, wo eine Coaching „Expertin“ unter dem Titel: „Lösungen mit dem 5-Minuten-Coach!“ ihre Quickies zelebrierte. Nun ist gegen „Quick und Dirty“ beim Sex (möglicherweise) nichts einzuwenden, zumal dann nicht, wenn in einschlägigen (Hamburger) Dienstleistungsbetrieben, wo Zeit gleich Geld ist, schnelle aber diskrete Handreichungen geleistet werden. Das ist dann möglicherweise auf diesem Feld der Stand der Kunst.
Aber wenn solche Quickies öffentlich im Fernsehen zum Thema Coaching vorgeführt werden, handelt es sich nicht um Kunst, sondern um Kunstwidrigkeiten (um nicht gleich von Kunstfehlern und Fahrlässigkeit zu sprechen, das tue ich später).
Ich will das zum Anlass nehmen, um ein paar deutliche Worte zu sagen.
Anzusehen ist das Desaster auf der RTL Page:
http://rtl-now.rtl.de/geissen.php?film_i...1&player=1&na=1
ab 00:36:00 bis 00:43:15

Warum ging es? Um einen Fall von morbider Adipositas
Als krönenden Absch(l)uss der Sendung bekam die (leicht agitierte, aufgekratzte und ziemlich pfundige) Coaching-„Expertin“ als Klientin eine noch übergewichtigere junge Dame, Nadine, 33, aus Ennepetal, vorgesetzt. Da ich selber Sauerländer bin, haben EnnepetalerInnen natürlich meine ganze Sympathie und mein ganzes Mitgefühl. Olies (Coaching) Coach ächzte unter den Pfunden seiner Aufsitzerinnen.

Die Klientin konnte ihren Beruf als Krankenschwester nicht mehr ausüben. Nach einer Umschulung zur Reisebürokauffrau hat sie auch nach 400 Bewerbungen im letzten Jahr immer noch keine Stelle gefunden; sie hat zudem keinen Partner. Sie stellt sich im Reisebüro als Reisekauffrauen immer schlanke Frauen vor, sich selbst findet sie zu dick. Einsichtig und humorvoll titulierte sich die Klientin selbst als Pottwal und meint realistischerweise müsse sie 100 kg abnehmen.
Also noch mal ganz deutlich, sie wiegt nicht 100 kg, sondern sie will 100 kg abnehmen! Das wäre bei einer geschätzten Größe von 165 cm und einem Gewicht von 160 kg ein BMI von ca. 58. Der BMI Rechner der NZZ sagt:
Übergewicht mit negativen Folgen für die Gesundheit. Ärztliche Betreuung ist notwendig.
Das wäre dann kein Übergewicht sondern Fettsucht, also Adipositas Schweregrad III, der Fachterminus ist morbide Adipositas. (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Fettsucht)

Zunächst wies die Coach-Expertin bagatellisierend auf ihr eigenes Übergewicht hin und wovon es bei ihr kommt. Sollte das witzig, schlagfertig oder gar charmant sein oder joining by Sahnetörtchen? Bestenfalls tumbe Anbiederei.
Bei einer geschätzten Größe von 165 und 110 kg hätte die „Expertin“ ebenfalls einen BMI von über 40. Der BMI Rechner der NZZ würde ihr ebenfalls dringende ärztliche Betreuung empfehlen, laut Wikipedia ebenfalls die Diagnose:
Adipositas Schweregrad III, Fachterminus siehe oben: morbide Adipositas.

Blinde Flecken und Tomaten auf den Augen
Nun weiß man schon nach ein paar Stunden Selbsterfahrung, dass die sprichwörtlichen eigenen blinden Flecken nicht unbedingt den klaren (Durch-)Blick fördern, sondern eher begrenzen bzw. gar verhindern. Hier war der Blick der „Expertin“ höflich ausgedrückt getrübt. Ihr sind die Maßstäbe aus dem Auge geraten, sie hat das sprichwörtliche Gleichgewicht verloren. Sie kann Nadine als Klientin mit ihrer Krankheit nicht richtig einschätzen, weil sie an der selben Maläste leidet und wegen ihrer eigenen adipösen Erkrankung den noch größeren Schweregrad derselben Krankheit bei der Klientin nicht als solche wahrnimmt und erkennt. Eben ein blinder Fleck.
Für Nadine möglicherweise ein Kunstfehler mit mittel- bis langfristig letalen Folgen! Hoffentlich ist sie sich über ihren Gesundheitszustand soweit im Klaren, dass sie baldigst echte Experten aufsucht.

Nun ging es aber unbeeindruckt munter weiter:
Blitzkriegsschnell war die Lösung gefunden: Die Klientin solle doch in einem Reisebüro für Übergewichtige arbeiten, das es ja geben würde (und natürlich sein Headquarter in Ennepetal hat, wie jeder „ahnt“). Flugs wird dann noch die verhinderte Reisekauffrau für nach der Sendung an ein Netzwerk „Frauen helfen im Beruf“ vermittelt.

Zum Thema Auftrags- und Zielklärung:
Auftrags- und Zielklärung ist eine basale Vorgehensweise, ein Standardwerkzeug insbesondere des systemischen Coachings. Davon sollte man auch Gebrauch machen.
Bei dieser Klientin ging es eindeutig um eine Gewichtsreduktion (so wurde die Klientin vom Moderator angekündigt), die "Expertin" wollte ihr hingegen ein Jobcoaching auf die Nase drücken. Möglicherweise weil die "Expertin" sich da sicherer fühlte. Es geht aber nicht darum, wobei sich Experten sicher fühlen, sondern was die Klienten wollen und brauchen.
Selbst Oliver Geissen, der ja ein ganz sympathischer und vernünftiger Zeitgenosse ist, wurde von der Geisterbahncoachingfreakshow, die er da gerufen hatte, mittlerweile ebenfalls ziemlich plümerant. Er war bös in der Klemme und merkte das "seine" Expertin voll daneben langte (siehe Auftragsklärung). Deshalb mischte er sich ein und stellte im Unterschied zur „Expertin“ die richtige Frage: „Nadine glaubst du, dein Leben wäre schöner, wenn du dünn wärest.“ Antwort Nadine: „Ja“. Ollie machte dann die richtige Aussage, er empfahl Nadine: „Du musst dir sagen, ich will eigentlich 30 Kilogramm weniger haben“. Die Klientin hatte ja selbst schon richtiger- aber unrealistischerweise 100 kg angeboten. Die „Expertin“ blödelte kopfschüttelnd dazwischen „Vielleicht“. Dann lobte Ollie dummerweise noch den Tipp der „Expertin“ und meinte zu Nadine: „Jetzt erstmal einen Job finden mit der Leibesfülle, die du hast“.
Da kann man Oliver Geissen nur zurufen, dass er an dieser Stelle leider die Rolle übernommen hat, die früher Sascha Hehn auf dem Traumschiff gespielt hat. Macht aber nichts, denn Geissen ist "nur" Moderator und kein Coaching Experte.
(Diese Seifenoper spielte übrigens auch in der Reisebranche, aber da ging es der Branche noch gut. Kreuzfahrten sind übrigens heute der einzige noch nicht rückläufige Reisebereich. Coaching setzt auch Branchenkenntnisse voraus!, siehe unten)
Denn würde Nadine „nur“ 30 kg abnehmen, wäre das unter den obigen Annahmen immer noch ein BMI von knapp 48 und immer noch Schweregrad III.

Zehn saure Drops zur Vermeidung von Kunstfehlern:
1. Der Coach sollte (auch bei fehlgeleiteter Auftragsklärung) minimale gesundheitliche Kenntnisse bevorraten, damit er nicht voll daneben langt.
Die verhinderte Reisekauffrau war offensichtlich krank. Sie hat nicht nur ein Problem, sondern sie ist krank, was ihr selbst vermutlich sogar klar war. Da ging es nicht bloß um 30 kg Übergewicht. Nadine ist eindeutig fettsüchtig, die Krankheit heißt Adipositas, nach meinem oben geschätzten BMI Schweregrad III.
2. Der Coach sollte Mit- und Kontextbeteiligte einschätzen können.
Arbeitgeber, die eine derart erkrankte Bewerberin nicht einstellen möchten, handeln vernünftig (auch im Sinne der Bewerberin), denn Fettsucht ist eine schlimme Krankheit, die viele ernste (oder sogar tödliche) Folgen nach sich ziehen kann, deshalb spricht man von morbide.
3. Der Coach sollte die wirtschaftliche Dynamik der Branche kennen, die er empfiehlt.
Dies gilt umsomehr, als die Reise(büro)branche unter großem Druck steht, die Buchungen sich ins Internet verlagert haben und es auch ohne die Wirtschaftskrise ein Reisebürosterben gibt und seitdem erst recht. Die Touristikbranche leidet also nicht mehr an wirtschaftlicher Adipositas, sondern eher an Buchungsmagersucht. Der Branchenzustand macht schon völlig gesunde Leute fix und foxi.
4. Der Coach muss den Kontext beachten, wissen wo er zu Gange ist und die Grenzen seiner Kompetenzen kennen.
Soweit Fettsucht als Krankheit gelten soll, wofür es ja nicht nur gute und vernünftige Gründe, sondern auch unendliche wissenschaftliche und medizinische Untersuchungen gibt, gehört das nicht in die Hand einer Fünf Minuten Coaching Trine. Da hat man als Coach deutlich zu sagen, dass man hier nicht helfen kann und schon gar nicht in fünf Minuten, dass man hier seine Kompetenzgrenze hat. Es ist ja keine Schande, wenn man es eingesteht. Macht man (auch noch ohne was zu sagen) jenseits dieser Grenze munter weiter, ist es ein Kunstfehler und nichts sonst. Also, Übergewicht und erst dicke Fettsucht (wie in diesem Falle) sind im wahrsten Sinne des Wortes keine Petitessen oder Geschmacksfragen, die in eine Unterhaltungsfreakshow gehören, und wo der Eindruck erweckt wird, da gibt es Expertenhilfe in fünf Minuten, und/oder auch noch „erfolgreiches“ Jobcoaching. Das ist durchgeknallte unseriöse Hybris, um es mal noch ganz freundlich zu sagen.
5. Also, noch mal der Coach muß Fachwissen bevorraten. Coaching ist nicht nur ein Laberfach.
Der Trend der weltweiten wissenschaftlichen Untersuchungen bezüglich Übergewicht ist relativ deutlich, egal welches Therapieverfahren, egal welche Diäten, egal ob Selbsthilfe oder professionelle Hilfe, die Outcome-Erfolge sind desaströs. Zwar gelingt es noch halbwegs erfolgreich, aus einem Dicken einen Dünnen „zu machen“, aber dass der/die dann auch mittel- und insbesondere langfristig normalgewichtig bleibt, ist die große Kunst.
6. Und noch mal, der Coach muß Fachwissen bevorraten.
Das sollte man als Coach schon wissen, bevor man mit Gewichtsproblemen geplagte Menschen coachen will und das auch noch öffentlich im Fernsehen. Doch noch mal: Hier ging es nicht „nur“ um Gewichtsprobleme, sondern um die Krankheit Adipositas mit dem verschärften Schweregrad III, also morbide Adipositas.
7. Gerade Kurz-Kurz Zeitgespräche und Interventionen haben Regeln und Dynamiken, von denen der Coach schon mal was gehört haben sollte.
Diese Ausprägung von Adipositas ist ambulant vermutlich nicht mehr behandelbar. Ein längerer Klinikaufenthalt wäre wohl die einzige Möglichkeit und letzte Rettung. Möglicherweise wäre der Fall sogar nur mit Adipositaschirugie behandelbar. Das hätte man Nadine höflich, aber deutlich mitteilen müssen und darüber mit ihr ein Gespräch führen sollen. Dazu hätte man sogar in fünf Minuten was Vernünftiges sagen können. (Wer fünf Minuten Terrinen in der Mikrowelle heiss machen will, sollte wenigstens wissen, wie das Gerät funktioniert.)
8. Der Coach sollte seine Grenzen kennen oder zumindest minimale formale Qualifikationen bevorraten oder schweigen.
Wer an Leuten mit offensichtlichen Krankheiten rumdoktert, übt offensichtlich Heilkunde aus. Wer nach deutscher Gesetzgebung Heilkunde ausübt, muss entweder approbierter Arzt oder zumindest Heilpraktiker sein, sonst begeht er/sie eine Straftat. Wer das im Fernsehen tut, also den Tatbestand der Heilkunde im Umherziehen erfüllt, hat rechtlich sowieso ganz schlechte Karten. Das nur mal kurz am „Rande“. Ärztin war die „Expertin“ wohl nicht. Ist sie zumindest Heilpraktikerin, frage ich mich und RTL?
9. Aus-, Weiterbildung und Supervision sollten auch für Coaching-"Experten" Standard sein.
Hätte einer meiner WeiterbildungsteilnehmerInnen eine solche Fallarbeit in der Supervision abgeliefert, hätte ich sehr deutliche Worte gefunden und gesagt: „So nicht und so bitte nie wieder, sonst ist die Weiterbildung bald zu Ende. Das ist erstens unseriös, zweitens unhaltbar und drittens gefährlich für die Klientin.“ Das war bei denen bisher auch nicht nötig, denn die werden solide und seriös ausgebildet. Sie kennen deshalb ihre Kompetenzen und Grenzen. Wo hat eigentlich diese "Expertin" gelernt, fragt man sich.
10. Professionelle Distanz geht vor Anpassung an eine Gesprächskultur.
Und zum Schluss noch: Diese ewige distanzlose Duzerei, nach dem Motto wir sind alle gleich und uns so ähnlich (was in diesem Falle leider stimmte und zugleich der blinde Fleck und das Problem der Gegenübertragung war), Coach und Klienten sind quasi Freunde. Gruselig! Wer duzt schon gewohnheitsmäßig seinen Psychiater? Nach meiner Erfahrung nicht mal Irre!

Was hätte man in diesem Fall tun müssen?
Eine ruhige, gelassene seriöse ausführliche klinische Exploration. Man fragt u.a. nach Gewicht und Körpergröße, man bestimmt den Bodymaßindex und die Körperfettmenge. Das hat heute schon jedes vernünftige Fitnesstudio in der Provinz im Angebot. Man fragt danach (auch in den ersten fünf Minuten), seit wann das Problem besteht. Denn je länger es besteht, desto schwieriger wird die günstige Prognose und langwieriger die Behandlung. Dann macht Mann oder Frau natürlich noch einiges mehr. Man fragt nach den Ernährungs- und Ess- und Bewegungsgewohnheiten. Man macht weiter eine ordentliche körperliche und medizinische Anamnese und Untersuchung. Wenn das alles geschehen wäre, dann käme man zur biographischen Anamnese und der beruflichen und privaten Kontextanalyse der Betroffenen, und das dauert mal locker zwischen zwei bis drei Stündchen, dann hätte man einen ersten Überblick und frühestens dann würde man zur Fragestellung: „Warum klappt es nicht mit dem Job bzw. der Bewerbung? Geht ein Job überhaupt bei dieser Erkrankung und wäre das überhaupt die richtige Branche?“. Und frühestens dann könnte man einen seriösen Therapieplan bzgl. der Adipositas erstellen. Diese umfassende Exploration hätte man gleichzeitig dazu genutzt, mit der Klientin eine stabile und tragfähige Beziehung zu knüpfen, die den späteren Belastungen einer Behandlung angemessen und gewachsen wäre. Morbide Adipositas ist wahrlich kein Pappenstil! Ein möglicher Klinikaufenthalt usw. hätte besprochen werden müssen. Über all diese Themen hätte Rede geführt werden müssen und Nadines Motivation ein solches langfristiges therapeutisches „Großunternehmen“ ernsthaft anzugehen wäre zu testen und zu stärken gewesen.

Wer als angebliche Coaching „Expertin“ an dieser Stelle bei dieser Krankheit freiwillig und ohne Not (eine) heiße (Tasse) Luft abliefert und sich als Fünf Minuten Coaching Terrine (Trine) präsentiert (möglicherweise auch noch ohne jegliche vom Gesetz dafür vorgesehene Lizenz), der sollte nicht im Fernsehen rummachen, sondern von dem zuständigen aufsichtführenden Amtsarzt einen Maulkorb verpasst bekommen, weil es einfach nur fahrlässig war. Man kann ihr nur empfehlen sich in erster Linie um die eigene Gesundheit zu scheren, das eigene vermutlich ebenfalls krankheitswertige Übergewicht coachen zu lassen und nicht auch noch im Fernsehen die (über-)gewichtige Coaching-Expertin zu mimen.
Das weckt bei der Klientel falsche Hoffnungen, ist deshalb nur schädlich und beleidigt obendrein die Zunft der seriösen Coaches und bringt sie durch solche Selbstvermarktungsmätzchen unnötig in Verruf.

Natürlich war diese „Expertin“ nicht nur einmalig betriebsblind, schwindelig und selbstbesoffen von der eigenen Gewichtigkeit, sondern sie ist eine Serientäterin. Auf ihrer Homepage lädt sie für Freitag, den 20. März 09, in Hamburg zum Weltrekordversuch im kostenlosen High Speed Coaching ein.
Was um alles in der Welt hat Coaching mit einem High Speed Weltrekordversuch zu tun? Kann mir das jemand erklären? Den Zusammenhang mit unseriöser Selbstvermarktung verstehe ich hingegen sofort. Das Video auf der RTL Page zur Sendung hat schon vier Tage nach der Sendung über 8.000 Aufrufe, das hat sich für die Selbstvermarktungsexpertin (laut Homepage der Expertin) doch gelohnt, die Rechnung wurde allerdings auf dem Rücken der schwerkranken Nadine eingelöst. Durch diesen Leidartikel werden es jetzt noch ein paar unverdiente Klicks mehr.
Sind solch sinistre Selbstvermarktungskampagnen Standard bei seriösen und renomierten UnternehmensberaterInnen, nach meiner Erfahrung nicht. Das findet man doch eher auf (dem sprichwörtlichen) Jahrmarkt oder bei Veranstaltern von sakralhynotischen Kaffee- und Butterfahrten. Mir drängt sich dabei die Assoziation auf: Kettenbriefe aus Ulknudelsburg.

Zusammengefasst:
Nun wollen wir es mit der Schelte und Nachhilfe bewenden lassen und der „Expertin“ nur noch zurufen: „High Speed gibt’s noch nicht mal überall im Internet, bestenfalls in der Drogenszene und der letzte Blitzkrieg der von deutschem Boden ausging, ist Gott sei Dank Geschichte, die langfristigen (über sechzigjährigen) leidvollen Folgen sind auch allgemein bekannt.
Coaching hingegen hat zunächst mit Exploration, dann mit Reflexion und dann erst mit Handlung zu tun. Coaching hat aber auch gar nichts mit einer Fünf Minuten Terrine (die macht Maggi) und High Speed Weltrekord zu tun und insbesondere schon gar nicht bei einem solchen Fall von morbider Adipositas! Das muss man wissen und einschätzen können, sonst ist man nicht qualifiziert und hat den Beruf verfehlt und schwafelt nur fahrlässig rum.
Oliver Geissen und seiner Redaktion darf man zukünftig ein etwas sorgfältigeres Händchen bei der Expertenauswahl und ein etwas sensibleres Händchen in der Gestaltung und bei der Komposition des Themen-Klienten-Experten-Mix empfehlen. Zudem gehören "schwere" Fälle, wie dieser nicht ans Ende einer Sendung, wenn die Zeit knapp wird.

Was will uns diese „Werbesendung“ nun sagen? Wie ist das einzuordnen?
Die interessante Frage jenseits dieses bedauerlichen (Einzel?)Falls ist doch, wie kommt es zu diesen Fehlentwicklungen und wie kommt es dazu, dass eine solche Knallcharge noch weiter öffentlich als Expertin gehandelt wird und nach eigener Aussage auf Fachkongressen eingeladen wird und man ihr vermutlich da auch noch Beifall zollt?

Coaching als Coevolut des untergehenden Wirtschafts- und Währungssystems:
Die Antwort findet sich im derzeitigen Wirtschaftscrash und ist ebenso einfach wie vielschichtig und komplex. Jeder vernünftige Mensch fragt sich doch jetzt:
Wie konnte es zum Banken- und Wirtschaftscrash kommen?
Wo ist die ganze Kohle der Anleger hin und wo ist es geblieben?
Wer hat sie eingesackt? Wieso hat da keiner rechtzeitig was gemerkt und gewusst?
Wie und bis wohin führt das noch und wie wird das weitergehen?
Die Havarie der Experten ist offensichtlich.
Edelmetalle (physisches Gold, Silber, Platin) sind seit Wochen und Monaten ausverkauft und das soll und muss uns an dieser Stelle als Ausführung genug sein.

Hier die einfache (und damit falsche) und holzschnittartige Antwort:
Diese Wirtschaftskrise ist eine Vertrauenskrise, und die ist dadurch entstanden, dass auf hektische Lösungen in der nahen Zukunft (erfolgreiche Quartalsabschlüsse und der ganze andere Ami Kriegsscheiss, „misson accomplished“) gesetzt wurde, bei gleichzeitiger hemmungsloser Selbstbedienungsmentalität und hemmungslose Selbstvermarktung betrieben wird und ständig schwachsinnige Nachrichten (Junkinfotainment) produziert werden, so dass der regensaure Wald im Ozonloch verschwindet und die Klimakatastrophe hinter lauter kranken Bäumen nicht mehr sichtbar ist. Das auf fossilen Brennstoffen basierte Wirtschaftssystem ist am Ende und hat mit seinem technikversessenen Machbarkeitswahn ausgedient.
Dieser Hyperzyklus ist dadurch entstanden, dass alles auf Pump finanziert war (einschließlich der Währungen selbst) und nun verspricht man sich Hilfe von dem, was in das Desaster geführt hat, mehr und weitere Schulden. Was soll man dazu sagen? Pervers, bekloppt, bescheuert wären ja noch milde Worte. Oder was würden Sie von einer Feuerwehr halten, die Flächenbrände mit Öl löscht?
Wollte man ein Bonmot machen, könnte man mit der Metapher von morbider Schuldenadipositas mit anschließendem Totalkollaps hantieren.
Coaching hat sich als Reparaturbetrieb und Karrierebooster in diesem kranken Wirtschaftsbetrieb coevolviert, wie es systemisch so schön heißt. Mit einfachen Worten, Coaching ist das atemlose Spiegelbild dieses durchgeknallten Wirtschaftsbetriebs im Todeskrampf des ausklingenden Erdölzeitalters. Eine wirtschaftliche Entwicklung von der nun auch die größte Schlafmütze mitbekommen hat, dass sie grottenfalsch war.


Es folgt der zweite Teil

__________________
Mit swinging solutions
pwgester.de
15.03.2009 19:25 Peter-W. Gester ist offline E-Mail an Peter-W. Gester senden Homepage von Peter-W. Gester Beiträge von Peter-W. Gester suchen Nehmen Sie Peter-W. Gester in Ihre Freundesliste auf AIM-Name von Peter-W. Gester: peterwgester
Peter-W. Gester
In Memoriam: Georgia O'Keeffe und Alfred Stieglitz


images/avatars/avatar-589.jpg

Dabei seit: 08.01.2004
Beiträge: 862

Themenstarter Thema begonnen von Peter-W. Gester
Leidartikel: Zweiter Teil Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Coaching als weitgehend theorie- und geschichtsfreie Toolhuberei oder als Karrierebaumarkt
Coaching ist eine überwiegend theorie- und geschichtsfreie Zone, eine atemlose auf die kurzfristige Zukunft angelegte Lösungs- und Toolhuberei, die den gesamten wirtschaftlichen Kontext nicht die Bohne reflektiert(e) und auf der Rechnung hatte. Und dazu auch jetzt Null Komma nix zu vermelden hat. Coaching ist meist normenlos, menschenbildfrei und weltbildpluralistisch und hält das häufig auch noch für die konstruktivistische Krönung der Entwicklung.

Coaching ist eine ähnlich komplexe Veranstaltung wie Psychotherapie
Coaching wäre eigentlich eine ebenso komplexe und viel- und tiefschichtige Angelegenheit wie Psychotherapie. In vielen Fällen, aber noch viel komplexer, denn die ganze Lebensweite gehört eigentlich dazu.
Für Coaching müsste die Devise sein:
Rückblick • Einblick • Weitblick • Überblick • Durchblick • Ausblick.

Im Rahmen von Psychotherapie gib es zudem mehr oder weniger eng umrissene Probleme, Störungen, Krankheiten oder Syndrome, die in der Störungsbeseitigung häufig eindeutige Prioritäten und Therapieziele vorgeben (siehe auch oben den Fall von Nadine).
Deshalb umfassen (richtigerweise) psychotherapeutische Weiterbildungen nach einem entsprechenden vorbereitenden Psychologie- oder Medizinstudium mindestens eine dreijährige fachliche Vollzeitweiterbildung in entsprechenden Institutionen unter ständiger Supervision mit der anschließenden Pflicht zur ständigen berufsbegleitenden Weiterbildung. Sie werden mit einer staatlichen Approbation abgeschlossen. Seit dem Jahr 2000 gibt es ein entsprechendes Berufsrecht mit Berufskammern usw..

Coaching-Weiterbildungen sind vergleichsweise zu Psychotherapie Weiterbildungen (viel zu) kurz und flach:
Coaching-Weiterbildungen umfassen häufig einen Grundkurs von ca. 12 Tagen und einen Aufbaukurs von gleichem Zeitumfang, von dem häufig aber nur der Grundkurs absolviert wird.
Kurzum, Coaching Weiterbildungen sind häufig nur Schnelldurchlauferhitzer und Tauchsiederkurse bei teilweise geringerer Eingangsvoraussetzung und weniger qualifizierendem Studium der TeilnehmerInnen als für Psychotherapieweiterbildungen.

Coaches müssten staatlich approbiert werden
Es müsste vergleichsweise zur Approbation der psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten eine Approbation zum Coach geben mit der entsprechenden Weiterbildung. Heute sind wir von einem der Psychotherapie vergleichbaren Weiterbildungs-Standard (und das vermutlich weltweit) soweit entfernt, wie die Kuh von der Mondlandung.
Nun ist die systemische Therapie, die im Coaching als Theorie und Methode häufig Pate steht, gerade Ende letzten Jahres in Deutschland als wissenschaftliches Verfahren anerkannt worden.
Als Pionier der Familien- und systemischen Therapie, der seit den Anfängen dabei ist, weiß ich, dass diese Entwicklung, besser dieser Kampf, dreißig Jahre gedauert hat und zwei bis drei Generationen von Systemikern diesen Kampf unter großen wirtschaftlichen und persönlichen Opfern geführt haben.

Stimmte meine These, Coaching ist mindestens eine so komplex Veranstaltung wie Psychotherapie, dann müssten auch die Coaching Weiterbildungen entsprechend lang sein. Die Inhalte der Coaching Weiterbildung müssten entsprechend modifiziert werden, neben bzw. anstelle des Wissens und Könnens in Bezug auf psychische Störungen müssen für das berufliche Coachingfeld entsprechendes Wissen und Können über Organisationen und Management gelehrt werden. Für das private Anwendungsfeld müsste entsprechendes Wissen über Biographie und Lebenszyklen gelehrt werden. Dies fände in geeigneten Institutionen statt, unter ständiger begleitender Supervision und würde mit einer staatlichen Approbation abgeschlossen.
Das Wissen dazu ist auf vielen Wissenschaftsfeldern vorhanden, eine adäquate Nutzung in der entsprechenden Tiefe und adäquate Adaptation für das Feld für Coaching (Weiterbildung) mit einer entsprechenden Theoriebildung ist bisher nicht geleistet.

Wann könnte das soweit sein?
Würde sich Coaching in diesem Sinne mit der gleichen Geschwindigkeit wie die wissenschaftliche Anerkennung der systemische Therapie entwickeln, könnte man mit diesen Standards freundlich geschätzt ab dem Jahr 2030 bis 2040 rechnen. Dann wäre es auch wesentlich klarer, wohin sich das im mehrfachen Sinne des Wortes „ausgelaufene“ Erdölzeitalter entwickelt hätte. Ich wäre dann 77 oder 87 Jahre alt und sicher außer Dienst, vielleicht schon auf der Funny-Farm oder müsste alternativ schon über die Ansicht der Radieschen von unten sinnieren. Oliver Geissen wäre dann auch schon an die 60 oder 70 und wäre wahrscheinlich in Rente und über das Programmqualität von RTL wage ich keine Prognose.

Coaching hat morbide Methodenadipositas und schwere Theorieanorexie
Coaching ist, wie oben schon erwähnt, heute häufig eine weitgehend verkürzende theorie- und atemlose, lösungsübergewichtige Toolhuberei.
Schaut man sich die Publikationsflut zum Thema Coaching an, dann signalisieren schon die Titel, was so angesagt ist. Ich nehme willkürlich zwei (Bestseller?) Beispiele:
Coaching-Tools Doppelpack. Angebot: Coaching-Tools und Coaching-Tools II zum günstigen Serienpreis
oder
Beratung ohne Ratschlag. Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen.
Wobei ich die geschätzen AutorInnen dieser Publikationen für seriösen KollegInnen erachte, die ich nicht mit der RTL-"Expertin" in einen Topf geworfen wissen möchte.

Beratung ohne Ratschlag, als die illusorische Utopie vom Braten, der im eigenen Saft schmort und gart (das mag für elsässischen Schmorbraten sogar stimmen, aber nicht für lebendige Menschen), vom Klienten, der alle Lösungen schon ressourcen- und lösungsorientiert in sich trägt. Das ist systemische Folklore, das sind Potemkinsche Dörfer aus dem kleinen Konstruktivismusstabilbaukasten, Hirngespinnste aus Absurdistan, Luftschlösser in Wolkenkuckucksheim, fernab von vernunftgesteuerter kognitiv elaborierter Theorie und Modellen. Konzepte die in zwar in der Weiterbildungen aber nicht im rauhen Leben funktionieren. Wer möchte zu einem Arzt gehen, der keinen Rat weiß und keine Rezepte ausstellt? Ich auf jeden Fall nicht! Bei Steve de Shazer (der unredlicherweise, weil er es nicht erwähnte, bei der brillianten Eve Lipchik seine Konzepte gestohlen hat), dürfen wir uns u.a. auch für diese (Fehl-)Entwicklung bedanken. Bei der Selbstvermarktung war de Shazer ziemlich brillant, (kurzzeit-)therapeutisch waren seine „Künste“ ziemlich übersichtlich, wenn man ihn mal mit Milton Erickson vergleicht, den hat er wenigstens erwähnt.
Die Debatte zur entweder - oder Scheinalternative von „systemisch-konstruktivistisch“ versus „psychoedukativ-verhaltenstherapeutisch“ ist doch in der Psychotherapie(forschungsdebatte) längst geschlagen, erledigt und entschieden. Sowohl - als auch heißt die Antwort, das Richtige in der richtigen Dosierung in der richten Reihenfolge an der richtigen Stelle. Alles andere ist schulenzentrierter Quark. Leider sind selbst die Psychotherapieweiterbildungen auch da noch schulenverbarrikadiert hinten dran. Auch hier gab es früher eine spiegelbildliche Abbildung der Konfliktlinien des kalten Krieges, die lager- und blockzentrierte Konstellation Ost gegen West, Kapitalismus gegen Kommunismus, entsprach dem schulenzementierten , ritualisierten Aufeinandereindreschen von Verhaltenstherapie gegen Psychoanalyse, wechselseitige Abwertung mit Symptomverschiebung versus Einsicht die (angeblich) nichts verändert. Diese Konflikte sind aufgeweicht, aber Ausbildungen und Zulassungsordnungen sind noch entlang dieser alten Schützengräben organisiert.
Coaching könnte das zukünftig besser machen, nur dazu bräuchte es zunächst überhaupt mal eine verbindliche Theorie, bevor man sich theoretisch auseinandersetzen und abgrenzen könnte. Und nicht nur unoriginelle und simple Utilisierungen von z.B. systemisch-konstruktivistisch oder TA oder sonst was auf Coaching.
Die heutige Devise müsste lauten: interdisziplinär, polytheoretisch (nicht a- oder untheoretisch oder bloß eklektisch), multimethodisch, schulenübergreifend.

Ein ganz kurzer Blick auf den aktuelle Coachingpublikationstzunami
Auf einer der (vernünftigen) Webseite von Christopher Rauen „Coaching Literatur“ ist das Verhältnis von wissenschaftlicher zu sonstiger Coachingliteratur in einem freundlich geschätzten Verhältnis von 1 zu 10 bei ca. 780 aufgeführten Titeln. Bei der wissenschaftlichen Coachingliteratur sind die ernsthaften theoriebildenden Arbeiten wieder mit einem Verhältnis von 1 zu 10 zu veranschlagen. Eine traurige Bilanz, insbesondere wenn man dagegenhält, wieviele Coaching Weiterbildungen es gibt, vermutlich doppelt so viele wie potentielle Coachingkunden.
Das scheint alles überwiegend nach dem Motto eines bekannten Baumarktes zu funktionieren: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Das sind die "Praktiker".
Kein Wunder, in diesen theorielosen Wüsten und Methodensümpfen wabern und wallen dann die schnellen Brüter und Fünf-Minuten-Terrinen aus der Geissenshow. Soll Coaching etwa nur noch eine Show sein, frage ich mich (und Herrn Geissen)? Sollte ich da in meinem vogestrianischen Wald die letzten Tollitäten des Coachingmarktes nicht mitbekommen haben?

Hinzu kommt natürlich auch, längere und qualifizierendere Coaching Weiterbildungen lassen sich zur Zeit am Markt nicht nur nicht durchsetzen, sondern sind in der jetzigen Wirtschaftskrise völlig illusorisch (Häppchenkultur, wo ist da noch die Kultur?). Für Softskills werden gerade die letzten Budgets rasiert, und Zeitkontingente oder Bildungsfreizeit gibt es dafür auch nicht mehr. Zudem haben die meisten Leute (übrigens wieder ganz realistischerweise) Schiss, dafür Geld und Zeit zu beantragen, denn ein Arbeitsplatz war noch nie soviel wert und so gefährdet wie heute. Dabei wäre die kompetente Umsetzung von Softskills eine ziemlich harte Sache für alle Beteiligten, und Komplentärberatung soll bekanntlich die neue Zauberformel sein, schön wäre es, wer es glaubt wird selig. Wo es hingeht, wenn die Coaching-Weiterbildungsordnung nur von der radikalen Marktwirtschaft (das war auch wieder so ein konstruktivistischer Stuss) reguliert wird, exerziert uns die radikale Wirtschftskrise gerade vor und da sind wir ja noch bei der Vorspeise. Das Hauptgericht wird uns allen noch ganz schwer und unverdaulich im Magen liegen (siehe oben).

Alle „Befragungen“, ich will das mal „methodisch sauber“ nicht alles gleich zu empirischen Untersuchungen hochhypen: dass Coaching und die entsprechenden Weiterbildungen, wie mit Lotusfarbe überzogen, unbeeindruckt durch diese Wirtschaftskrise flutschen, weil man das gerade jetzt braucht, und die Coaches sich vor Aufträgen und Arbeit nicht retten können, stimmten schon vor der Krise nicht. Produzier(t)en die meisten seriösen Coaches ihren hauptsächlichen Broterwerb doch mit anderen Dienstleistungen, zum Beispiel die ganz „Schlauen“ mit der Gründung ihres eigenen Coaching Verbandes. Aber ich will nicht übertreiben, Verbandsarbeit ist notwendig. Doch so ein privatorganisiertes, konkurrierendes Neben-, Durch- und Wirreinander von Verbänden gibt es noch nicht mal im Boxsport, und da geht es bekanntlich auch in erster Linie um Geld und erst in zweiter Linie um ordentlichen Sport und eindeutige Titel.

Die Weisheit des Rock ’n’ Roll
Soweit so „gut“, ich bin ja nach den Erfahrungen und Entwicklungen in der Psychotherapie Kummer gewöhnt und prospektiere deshalb stabile und seriöse Professionalisierung im Coachingfeld mit entsprechenden staatlich legitimierten Verbänden, Weiterbildungen und Approbationen für meine posthume Periode so gegen 2040. Möglicherweise ist auch die Weisheit des Rock ’n’ Roll der bessere Prognostiker. Erinnern Sie sich noch an das Popduo Zager und Evans aus Nebraska mit dem größten Single-Hit-Wonder aller Zeiten: „In the Year 2525 if man (Coaching) is still alive“. Das Plattenlabel von Zager und Evans war sinnigerweise zunächst „Truth“, dann RCA. Stand diese Abkürzung nicht für „Royal Coaching Assoziation“?
Wie auch immer, es gibt auch heute schon äußerst seriöse und beschlagene Kollegen. Ich kenne viele davon und es gibt die Selbstvermarktungshoaxer. Auch daran wird sich selbst bis zum Year 2525 nichts ändern, und eines kann ich Ihnen garantieren, 2525 wird der Titel von Zager und Evans irgendwo auf diesem Globus gespielt (If man is still alive, If woman can survive, They may find), zumindest in Nebraska. Dann sind die Probleme und Gräber der hier angeschnittenen Debatten längst vom Winde verweht.

Zurück in die Zukunft: Der Gilgameschepos
Aber wir brauchen gar nicht soweit in die Zukunft zu gehen, die fernere Vergangenheit weiß über Coaching viel besser Bescheid. Der Gilgameschepos ist die erste erhaltene biographische Erzählung aus dem dritten Jahrtausend vor Christus und die erste Beschreibung eines Coachingprozesses. Hier wird die Biographie des sumerischen Königs Gilgamesch aus Uruk erzählt. Hier die ein Minuten Fassung:
Im narzisstischen Mega-Wahn von der eigenen Schönheit und Kraft verblendet völlig testosterongeschwängert, endorphinvernebelt und total schwanzgesteuert, verzapfte Gilgamesch einen überflüssigen Blödsinn nach dem anderen. Er vernachlässigt seine Königspflichten und tut sich als Rauf- und Saufbold, Kriegs- und Weiberheld hervor. Auch er kommt nicht durch Vernunft zur Vernunft (Montesquieu), sondern erst durch Leid und Tod seines besten Freundes Enkidu und weiteren ziemlich üblen Schlamassel. Dann erst durch Schaden klug geworden, begibt er sich auf die Suche nach dem Weisen Uta-napischti. Hier hat er zunächst einen kleinen Rückfall in „bewährte“ Verhaltensmuster und will Uta-napischti die Wahrheiten und Weisheit aus dem Leibe prügeln. Uta-napischti mit allen Wassern des Lebens gewaschen, bleibt unbeeindruckt von Gilgameschens Drohgebärden sowie seiner prahlhanseligen- und kraftmeierischen Wichtigtuerei. Er hält Gilgamesch eine ziemlich harsche Gardinenpredigt, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Gilgamesch wird einsichtig, gelobt Besserung, ist reuig und tut Buße, doch sein Schicksal nahm seinen Verlauf (siehe unten: Babylon).

Zugestanden, nicht jeder von uns hat die ausgechillte Neutralität und die Altersweisheit eines Uta-napischti und gilgame(n)schen fällt eh leichter. Aber hier wird Coaching erstmalig in der Weltgeschichte schriftlich festgehalten, beschrieben und basal definiert.

Der Unzusammenhangskoan des Monats
Doch auch in diesem Falle bleibt nur nüchtern festzustellen, genützt hat das alles wenig: Das blaue Ischtar Tor aus Babylon steht heute als Prunkstück im Pergamon Museum in Berlin. Heute schon gilt es verständigen Zeitgenossen als archäologische Beutekunst des Erdölzeitalters und zurück nach „Babylon by Bus“, das konnte nur Bob Marley. Bei den Reggae Rastafaries steht das Babylon-System oder kurz Babylon – in Anlehnung an die biblische Verwendung des Begriffs für

• Ausbeutung und Unterdrückung, egal, ob diese von Weißen oder Schwarzen, Mann oder Frau ausgeht
• Dekadenz, Materialismus sowie das Streben nach Geld, Konsum und Status
• individuelle und politische Korruption
• Ignoranz und Hass gegenüber den Mitmenschen
• Rassismus und Faschismus

Okay, okay, ja, ich weiß, Babylon ist nicht gleich Uruk, sondern nur soweit nördlich von Uruk, wie südlich von Ninive. Gilgamesch kam aus Uruk und nicht aus Babylon, ja, auch okay, Doch Gilgameschens Heimatland ist ganz aktuell wieder (durch die amerikanischen Kurzzeitinterventionen von „mission accomplished“ und wegen des Erdöls) eine ziemlich ungemütliche und explosive Gegend. Da könnte wohl auch ein Uta-napischti als Konfliktcoach nichts reißen, wieder kein High-Speed Weltrekord.
Wie das alles zusammenhängt, klären wir ganz genau in der nächsten Fünf-Minuten-Coaching Terrine, bei Ollie.

Ansonsten mag ich dicke Experten. War ich doch bis vor knapp drei Jahren selber einer aus der Sparte, einschließlich eines grottösen BMI. Ressourcenorientiert hätte man das wohlwollend, aber fälschlich als "stattlich" umettiketieren können. Ich habe ziemlich abgespeckt, es funktioniert wirklich. Mein BMI ist jetzt 24. Honi soit qui mal y pense, möchte man hier im Elsass sagen, dem Mutterland der gepflegen Cuisine, aber auch aller Kalorienbomben.

Und, liebe Nadine aus Ennepetal falls Sie das hier zufällig lesen sollten, gehen Sie bitte zum Arzt und/oder in eine Fachklinik, es geht um das Wichtigste was Sie haben, Ihre Gesundheit und Ihr Leben!

__________________
Mit swinging solutions
pwgester.de
15.03.2009 19:35 Peter-W. Gester ist offline E-Mail an Peter-W. Gester senden Homepage von Peter-W. Gester Beiträge von Peter-W. Gester suchen Nehmen Sie Peter-W. Gester in Ihre Freundesliste auf AIM-Name von Peter-W. Gester: peterwgester
Matthias Ohler
Mitglied


images/avatars/avatar-198.jpg

Dabei seit: 12.01.2005
Beiträge: 111

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Oh danke!!! Es musste ja mal gesagt werden.
Im Augenblick nur kurz: Ich red ja schon seit Jahren von den beraterischen hooligans als tooligans und habe mir verkniffen, schwachsinnigen Vorbildern zu folgen und an diesen Begriff ein R im Kreis machen zu lassen. (Jeder gute Handwerker kümmert sich nicht nur um seinen Werkzeugkasten, sondern auch darum, wirklich zu verstehen, was da drin ist. Ich kenne glücklicherweise viele Handwerker persönlich und aus Besuchen (non-professional!) in ihren Werkstätten ziemlich gut, und nicht nur von ihren Besuchen im Hause nach Aufträgen, die man ihnen nach cash-reicher Auftragsabwicklung hat erteilen können.)
Der Ruf nach dem Staat scheint mir verständlich, doch aufmerksam zu prüfen - da hat ja schon Platon geglaubt, die Philosophen wären die Auserwählten, und Martin Heidegger hat sich dann aufs Applaudieren (mit Händen und Worten und chassenden (Husserl) Taten) von berufenem Stuhle aus beschränkt; das umgekehrte Prüfungsverhältnis stelle ich mir genau so schwierig vor. Du sprichst von polytheoretisch und willst doch eine verbindliche Theorie. Oder versteh ich´s nicht? Was wäre der polytheoretische Kanon? Eins wäre, denke ich, wirklich wichtig: Die TheorieFÄHIGKEIT zu prüfen, und gerade nicht Theoriefeindlichkeit und Praktikabilitätswahn und -schluderei, wie wir sie allenthalben vorfinden. Da, glaub ich, renn ich bei Dir offene Türen ein. Gehen wir also auf die geschlossenen zu. Fragen wir uns gemeinsam: How do you do? Ich schlage hiermit ein Treffen vor, um von dort aus gemeinsame Ideen zu entwickeln und mal wieder einen neuen Start zu machen (Makings bands out of bands). Vielleicht ein Symposium vorerst, etwa in der Macy-Tradition, und von dort aus weiter. Was denkst Du, Peter, und was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser? Wichtig: keine Nabelschau, sondern politische und von daher selbstredend philosophische Veranstaltung.

__________________
Ich gehöre allen, mir gehört niemand. mato
16.03.2009 08:16 Matthias Ohler ist offline E-Mail an Matthias Ohler senden Homepage von Matthias Ohler Beiträge von Matthias Ohler suchen Nehmen Sie Matthias Ohler in Ihre Freundesliste auf
Peter-W. Gester
In Memoriam: Georgia O'Keeffe und Alfred Stieglitz


images/avatars/avatar-589.jpg

Dabei seit: 08.01.2004
Beiträge: 862

Themenstarter Thema begonnen von Peter-W. Gester
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Lieber Matthias,

mittlerweile habe ich mal Herrn Geissen bei RTL geschrieben und nochmal freundlich nachgefragt, ob die nach der Sendung noch was für Nadine getan haben, oder ob die fünf Minuten Terrine so stehen geblieben ist.

Fernsehen, Medizin und Unterhaltung:
Übrigens, ich habe nix gegen die Trias Fernsehen, Medizin und Unterhaltung: Wenn Gunter Schmid bei Frau Maischberger den Herr Hirschhausen hypnotisiert, ist das eine vergnügliche Angelegenheit. Da demonstrieren seriöse Fachkollegen vernünftige Sachen in adäquater Zeit und dem entsprechenden Medienkontext. Und keiner tut so, als könne er in fünf Minuten (z. B. eine morbide Adipositas III) kurieren. Herr Hirschhausen ist nur nah an der Grenze nicht nur den Jammerlappen, sondern auch die Hirnlappen wegzuwerfen.
Wie wir alle aus der Mediendebatte wissen, sind ansonsten die Medien zu (Selbst-)kritik eher weniger in der Lage, da regiert die Quote und sonst nix. Die Öffentlich Rechtlichen werden zusätzlich noch vom Parteienproporz gewürgt. Die Casus R-R. versus Gottschalk und der Casus Heidenreich haben letzthin ein entsprechendes Schlaglicht drauf geworfen. Heidereich ist ins Internet gegangen und hatte schon nach kurzer Zeit 1 Millionen Klicks (www.litcolony.de). Wir werden sehen was das wird. Nicht, dass noch einer auf die Idee käme, ich würde mir bzgl. Medien Illusionen machen.

Staat und Geld:
Womit wir beim Thema wären: Ich rufe nicht nach dem Staat. Wieso sollte ich plötzlich Vertrauen in den Leviathan haben? Und die Zeiten, wo man wenigstens noch an die Deutsche Bank und die D-Mark glauben konnte sind auch tempi passati, wie wir gerade vorgemacht bekommen. Eine Billion Dollar 10 hoch 12, eine Eins mit 12 Nullen (1.000.000.000.000) wurden gerade in den USA in den Geldmarkt gepumpt, wenn diese ganze Nummer gut geht, fresse ich den Besen mit dem Stil. So kann man unentscheidbare Fragen auch entscheiden.
Sofortige Folge: der Dollarwert schmolz letzte Woche an den Devisenmärkten weg wie Butter. Eine weitere Folge davon wird sein, das dadurch die Exporte der deutschen Autoindustrie in die USA ungemein "erleichtert" werden (Achtung: Das war Ironie).
Wie wäre das wohl von einem der Architekten des Bretton-Woods-Systems, einem der Väter des €uro, dem Erfinder der Buddhist Economics Ernst Friedrich Schuhmacher kommentiert worden?

Coaching, Geld und Chaostheorie, ein juxtapositionärer Treppenwitz:
Zur Zeit der sanften Verschwörung gab es folgendes Beispiel zur Erkläuterung der Chaostheorie (you remember?):
Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Südamerika macht unser Wetter von Morgen. Ein lokales Phänomen triggert einen globalen Prozess. (Ich habe das Beispiel zwar nie verstanden, sondern immer bloß für journalistischen Vollstuss gehalten, not the Winds of changes but the winds of foolishness). Das juxtapositionäre Treppenwitzbeispiel:
"Unsere" RTL Coaching "Expertin" hat für ihren Hamburger High Speed Coaching Weltrekordversuch ein Motto: "Wollen Sie mehr Geld?" Und schon schlägt die Chaostheorie erbarmungslos zu:
Dadurch wird ein global obama-nischer Prozeß von geldmengentheoretischer Schizomanie jenseits jeglichen Maßstabes bei der bisherigen Weltleitwährung losgetreten. Yes we can! Oder welcome to the (Heidelberger Druck-)machine.
Hier entsteht eine strukturelle Ursachen Wirkungsverkopplung nach dem alten Motto: "Act local, print global". E. F. Schumachers: Small is beautiful, die Rückkehr zum menschlichen Maß, in full metal action.
So wird verändernde Wirkung erzeugt, wenn Coaching "Experten" zwar handwerklich "sauber" aber ohne Sinn und Verstand in die Toolbox langen, dann spielt morgen die Börse verrückt.

Und nu?
U.a. deshalb sitze ich nun hier jeden Tag den Gott (oder wer immer dafür zuständig ist) und „schraube“ an der Metatheorie und Praxis:
- Wie soll ich mich heute im Leben orientieren?
- Was bietet mir Orientierung?
- Wie kann ich (für) die Zukunft planen?
- Wie finde ich meinen Weg zwischen Schicksal (dem interventionsresistenten Unentscheidbaren) und Gestaltung (interventionsreagiblen Entscheidbaren)?
- wie kann ich beides glücklich und weise unterscheiden?

Welche Erkenntnistheorie brauche ich dazu bzw. brauche ich überhaupt eine dazu? Den Radikalen Konstruktivismus habe ich ja nun hinreichend ausprobiert, der hat ein paar nützliche Aspekte, aber sonst hilft der die Bohne nicht. Heinz (von Foerster) und Ernst (von Glasersfeld) waren bzw. sind klasse Typen. Mit Ernst habe ich immer noch eine (leider entfernt) gepflegte Mailerei.
Z. B. Kabbalistik? Hat nützliche Aspekte und Perspektiven, ansonsten siehe Konstruktivismus, auch wenn hier nach anderen Regeln gespielt wird, aber the same confusion on a higher level.

Es bleibt die Frage,
- Wie setzte ich das Big Picture zusammen?
- Wie orientiere ich mich zwischen Drift und Navigation?
- Wie beantworte und entscheide ich die unentscheidbaren Fragen?
Um es mit einem Terminus von Heinz von Foerster zu beschreiben.

Hinzu kommt, dass bei der heutigen Wissensentwicklungsgeschwindigkeit und Fachgebietstiefe man nicht mal schnell was sagen kann, sonst kommt der nächste Fachmann um die Ecke, haut dich auf die Mütze und weist dir nach, dass du Kappes gelabert hast oder nicht mehr zum Stand der Dinge redest. Schon der Hausarzt schickt dich zum Facharzt und der schickt dich zum nächsten Facharzt usw., wie es um die Gesundheit steht, weißte nachher natürlich immer noch nicht.

Zwischen Fachidiotie, Psychoecke und Esokacke:
Die meisten verschanzen sich in den Schützengräben ihrer Fachidiotie.
Die zwei häufigsten (Aus-)Wege sind, heute nennt man das ja Strategien, weil unter Strategie als Begriff geht ja heute gar nix:
Hier sind meistens die Tooligans (wie du es so nett formuliert hast) zugange, mit mehr oder weniger sinnlos oder halb- bis schwachsinnig zusammengesammelte Gebrauchsanleitungen zur Lebensbewältigung als trivale Maschine. Da das Leben eine „Nicht Triviale Maschine“ ist, versagen diese Anleitungen aber schon bei der nächsten unentscheidbaren Frage. Dafür gibt es dann so Superklopper wie: Simplify your Life, in einem Satz: Schmeiss fast alles in den Müll (wie originell), Bude und Schreibtisch aufräumen, plus Zeitmanagement und abends Zähne putzen = Bestseller.
Der andere Weg ist irgendeine mehr oder weniger durchgeknallte Esokacke zwischen Steinerei (gleichwohl ein eher differnziertes Modell) à la Jutegeriatrie auf dem Dornacher Hügel mit biologisch abbaubarer Gleitcreme von Weleda. Oder Astralreisen mit Engeln oder eine Woche Traumintensivseminar mit Zukunftsvisionen in Gomera. Nix gegen Träume und Gomera. Doch in dieser Kombi bleibt nur der Aktkanzler: „Wer Visionen hat, muss zum Arzt“.
Dazwischen der erweiterte Selbsthilfemarkt mit der chemische Kampfstoff-, der Gesundheits- und Turnecke, ergänzt durch Titel wie: Lustvolles Stöhnen nach der Goldenen Hochzeit und hemmungsloses Bumsen im geriatrischen Doppelbett, eine Psychowerkzeugkiste mit Originalfarbphotos aus der Erstausgabe des Kamasutra von 200 nach Chr..

Das Systemische hatte ja mal in seiner anfänglichen Phase, vor der konstruktivistischen Wende ganz vernünftige Ansätze im Mailänder Modell. Da wurde zumindest noch das Big Picture auf der Familienebene geliefert.
Was ist heute übrig geblieben? Problem und Lösungsgerödel und Ressourcengeöttel mit vorgeschalteter Auftragsverklärung. Das hat der systemischen Therapie nun zur Anerkennung als wissenschaftliches Verfahren verholfen und einigen Leuten zum Professorenpöstchen, was denen gegönnt sei, als Gesamtergebnis ist es zum Mäusemelken.

Nochmal zum Staat und zum Psychotherapeutengesetz:
Mit dem Psychotherapeuten Gesetz geht es uns (Psychotherapeuten bzw. zumindest mir) wie Wolfgang Neuss mit der Nachrüstung, er sagte dazu sinngemäß: „Damals haben wir auf die Wunderwaffen gewartet, jetzt haben wir sie und nun will sie keiner mehr.“ Gleichwohl ist die psychotherapeutische Versorgung in Breite und Qualität durch das PThG. besser geworden. Wenn der Coaching Markt sich etwas in diese Richtung bewegen würde, wäre das aus meiner Sicht sehr nützlich. Doch der Staat und die Welt hat wahrlich andere Probleme.

Nochmal zur Staatsaat, dem Hofbräuhaus, zu Knut und Thomas:
Der Staat selbst wird sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und nun nach dem neoliberalen und kapitalistischen Überkochen der letzten Jahre in eine weitere Regelungs- und Bürokratiewut steigern, mit Zustimmung der Bürger bis der freiheitliche Rechtsstaat sich selbst ad Absurdum geführt hat, pleite sind sie alle eh schon längst (man blickt heute nach Buda-pest). Die Umwelt pfeift und röchelt derweil aus dem letzten Loch. Die Lösung: Nichtraucher Zonen im Hofbräuhaus.
Eisbär Knuts Stiefvater Thomas Dörflein ist auch schon tot. Wer hätte gedacht das Knut Dörflein überlebt? Die Wechselfälle des Lebens, es geht halt nicht immer der Reihe und dem Alter nach. Das ist die kleine Unsicherheitslücke zwischen Probabilistik und Einzelfall. Wie es um den Eisbären in freier Wildbahn steht ist auch bekannt. Letzte Woche war Eisbären Rettungssymposion in Tromsö; Ergebnis: außer Spesen nichts gewesen.
Die Staaten (abgesehen davon, dass sie alle pleite sind und mit sich selbst nicht mehr reformieren) können die eigenen Probleme nicht mehr lösen. Sie können zudem die wichtigen Zukunftsfragen nicht lösen. Auch Herr Obama can da nix dran ändern (siehe oben). Die Schwellenländer von China über Indien bis nach Brasilien liegen auf der Lauer, wenn die richtig loslegen können, wird es leider nicht besser, sondern schlimmer.
So leben wir in einer Zeit, wo man doch inzwischen sehr dankbar sein kann, dass man schon auf die 60-zig zugeht und der finale Horizont des persönlichen Weges klar und deutlich sichtbar ist. Und dabei leben wir in Europa immer noch sozialversichert auf der Insel der Glückseeligen.

Die drängenden Fragen:
- Wie soll ich mich angesichts dieser ganzen Tatsachen gut bei Laune halten?
- Wie soll ich mir dabei denklaren, weiten und offenen Blick erhalten?
- Wie soll ich navigieren und driften, ohne optimismusdebil rumagierend mit einer Werkzeugkiste rumzufuhrwerken, wie es einem z. B. bei ziele.de vorexerziert wird?
- Ohne mich in den Zitierkartellen von erkenntnistheoretischen Freakmodellen zu vergraben und einen auf Wissenschaft und Hochschule zu machen, oder
- Ohne in einen volldebilen spirituellen Eso-Egelclub (der ADAC sei ausgenommen) abzudriften und
- Ohne so eine Fünf Minuten Saline bei RTL abzuliefern?
- Ohne dann sein halbes Leben mit Lebens- und Karriereplanung zuzubringen.

Nur noch so als Randbemerkung, das einzige autopoetische geschlossene System, also auf gut deutsch autistische System war und ist der Radikale Konstruktivismus. Ich habe in diesem erkenntnistheoretischen windschiefen Knossospalast eh zulange rumminot(r)auert.

Wie und was sollte ein vernünftiges und nützliches Big Picture Modell enthalten?
- ein topografisches, also ein räumliches Modell her, was neben bestimmten Maßstabsebenen
- als vierte Dimension die Zeit beinhaltet, die selbstverständlich nur in eine Richtung läuft,
- aber deshalb Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berücksichtigt,
- es muss Innen- und Außenwelt berücksichtigen und deren Verknüpfung (ich sage extra nicht Verkoppelung) und es muss
- eine Morallehre beinhalten, die der heutigen Zeit entspricht und es muß
- wach für letzte Fragen sein.
Wie werden die diskreten Botschaften des Rationalen "vermessen"?

Und das sollte zwar den angemessenen Komplexitätsgrad haben, aber doch nicht kompliziert und dabei möglichst übersichtlich und handelbar bleiben, mit einer Prise von Ernst Friedrich Schumachers Rückkehr zum menschlichen Maß: Sometimes smal is beautiful und nicht small (or quick and dirty) but dangerous.
Es soll ein Modell sein, das seine Eckpfeiler in der Quadratur des Kreises von Wissenschaft, Kunst, Geist und Natur findet. Die haltende, verbindende und ordnende „Klammer“ ist neben der Topographie, die Bildung; demnach ist ein Bildungsmodell inkludiert.
Kunst steht u.a. für das kreative Beantworten von unentscheidbaren Fragen und die kreative Erzeugung des Big Picture, damit für Lebenskunst, die anderen drei erklären sich von selbst (an dieser Stelle).
Und damit bin ich gerade die ganzen Tage zugange (siehe oben). Das hat natürlich nostradamische (bayrisch?) Ausmaße.
Nostradamus größte Leistungen waren natürlich nicht seine obskuren Prophezeiungen (gerade ist dafür wieder Hochkonjunktur), sondern was vermutlich die wenigsten wissen, es war das erste funktionierende Antipest Medikament. Seine Frau und sein Sohn starben gleichwohl an der Pest.

Es ist hier z.B. für den Club noch nix veröffentlichungswürdiges dabei, aber ich bin auf einem ganzen guten Wege, es dauert nur noch „einen Moment“. Hypothesen kann man ja auch nur falzifizieren und nicht als wahr beweisen, deshalb muss man zunächst mal rausfinden, was alles nicht geht und da kommt schon eine Menge Zeug zusammen.

__________________
Mit swinging solutions
pwgester.de
21.03.2009 19:45 Peter-W. Gester ist offline E-Mail an Peter-W. Gester senden Homepage von Peter-W. Gester Beiträge von Peter-W. Gester suchen Nehmen Sie Peter-W. Gester in Ihre Freundesliste auf AIM-Name von Peter-W. Gester: peterwgester
Matthias Ohler
Mitglied


images/avatars/avatar-198.jpg

Dabei seit: 12.01.2005
Beiträge: 111

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Lieber Peter,

ich muss aufpassen: Du regst so viel mehr an, als ich in der derzeitigen Arbeitsphase verhacken kann. Aber im April geh ich wieder dran. WAS du da alles an- und aufrührst, MUSS unters Volk.
Eitlerweise zitier ich mich nochmal selber: Vor fuffzehn Jahren dachte (und äußerte) ich, ob man mit dem "Ende der großen Entwürfe" nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet habe. Sind "Krieg und Frieden"! - die "Philosophischen Untersuchungen" usw. auch in den Brunnen gekippt worden? Wollte man nicht AUCH das Terrain frei haben für den eigenen großen Entwürf, daß da blühende Landschafen entstehen können?

Besonders gefällt mir - trotz theory-tooligan-mäßigem sound - die Unterscheidung zwischen interventionsreagibel und interventionsresistent.
Es schlägt - oder auch nur bimmelt - vielleicht die Stunde Poetischen Denkens. In dieser Begrifflichkeit sind die Widerständigkeiten gut erfasst. Die Egg-Heads ziehen ne Miene beim Bestandteil "poetisch", die Eso-Hearts beim Wortteil "denken".

Wo weilest du denn April Mai? Ich schlage vor: Symposium im kommenden Jahr. Und zuvor ein Pamphlet ins Land (muss ja nicht grade an der Wittenberger Türe sein - obwohl, ist denn das Mikrowellen-Coach-und-Therapie-Geschäft nicht der neue Ablasshandel - nur dass der vorm inneren Mikro-Gericht ausgebüffelt wird?) Lass uns treffen und schauen, wen wir noch dazu gewinnen.

Es steht zum Beispiel im Lehrbuch der Systemischen Therapie 1: Zwei Menschen können sich eigentlich nie wirklich/vollkommen verstehen. Das bezweifeln nahezu alle Morgen sowohl meine Bäckerin wie auch ich. Aber: was steht dahinter, was zu so einer big thesis führt?

In meinem ersten Brief meinte ich mit Theorie-Fähigkeit in etwa: Aus belesener Tradition eigene Formulierungs- und Erklärungsfähigkeiten entwickeln mit der gebotenen kritischen Distanz um Überkommenen. Denn der Markt ist - konsequenterweise - überfüllt mit Angeboten, die eben diese Fähigkeit tranqulizen sollen.

Meine Suchbewegungen gehen derzeit in folgende Richtungen:

- Gewissheit im Bewusstsein um Vorläufigkeit: Führen und Entscheiden: wie sicher kann ich sein? (Und wie sicher will ich mich und will ich andere und wollen andere mich?)
- Handlungsfähigkeit (und Besprechbarkeit dessen, was mich befähigt dazu) unter Anerkennung der Kontingenz von Überzeugungen
- Na klar, die Stölzelschen vier: Staunen, Skepsis, Mut, Humor

mit anderen Worten: Phänomenologie, Rorty, Lichtenberg, Arendt, Sklar, Sartre (immer noch nix gefunden von ihr, obwohl Rorty sie so befürwortet), und: Romane, Romane, Gedichte, Gedichte, Filme, Filme, Lieder, Lieder, und all das anregen und selber tun.

Wer kommt noch dazu zum Treffen?

__________________
Ich gehöre allen, mir gehört niemand. mato
23.03.2009 10:49 Matthias Ohler ist offline E-Mail an Matthias Ohler senden Homepage von Matthias Ohler Beiträge von Matthias Ohler suchen Nehmen Sie Matthias Ohler in Ihre Freundesliste auf
Matthias Ohler
Mitglied


images/avatars/avatar-198.jpg

Dabei seit: 12.01.2005
Beiträge: 111

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Soeben heimgekehrt vom philosophischen Nachtcafé:
ohne DR und MM geht´s nicht (die Namen wurden aus politischen Gründen verschlüsselt). Das sind Leute - und leider keine Referenten auf Kongressen wasweißichwelcher couleur - , die tagtätlich unternehmerisch und eigenverantwortlich (und was für Modeworte aus unberufenen Mündern uns sonst noch einfallen mögen) unterwegs sind. Ich suche noch immer nach dem Weg, sie zu Gehör zu bringen. Also: die wären, ginge es nach mir, bei einem Treffen dabei - ginge es nach deren Terminkalendern.
Wahrscheinlich erst bis zum Wochenende oder bis kommende Woche, ab Mittwoch bin ich wieder unterwegs zur Anbietung des andernorts Gedruckten, und das heißt, bevor ich losfahren kann, immer: bin laden.

__________________
Ich gehöre allen, mir gehört niemand. mato
24.03.2009 01:04 Matthias Ohler ist offline E-Mail an Matthias Ohler senden Homepage von Matthias Ohler Beiträge von Matthias Ohler suchen Nehmen Sie Matthias Ohler in Ihre Freundesliste auf
Michael Berger
Mitglied


images/avatars/avatar-55.gif

Dabei seit: 22.01.2004
Beiträge: 93

Leidartikel Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Chapeau, lieber Peter - Dein tiefsinniges und hintergründiges Pamphlet (http://de.wikipedia.org/wiki/Pamphlet) hat mich beeindruckt und nachdenklich gemacht.

Tja - es geht bei Dir um nicht weniger als ein (neues) Weltbid. Coaching ist dabei lediglich die Spitze des Eisbergs, die Deinen 30-jährigen beruflichen Gletscher krönt. An diesem Faden rollst Du trefflich die Garnrolle eines mehrdimensionalen Bildes auf... - ich wollte gerade schreiben "... Konstruktes", aber da haben meine Finger gestockt, denn ich versuche ja, lernfähig zu sein. Ich wüsste allerdings nicht, wie wir aus dem Modell, dass wir ein denkendes Subjekt sind, und damit unsere Welt selbst gedanklich gestalten, herauskommen wollten (sollten)?

Zum praktischen Teil: Ich muss Dir leider gestehen, dass auf viele Deiner Kriterien mein eigenes berufliches (Coaching-)Handeln zutrifft. Zur Relativierung (sic!) kann ich allerdings hinzufügen, dass ich - wie Du so schön erwähnst - zu ca. 80% strukurelle und damit keine "weichen" Themen vordergründig bearbeite (z.B. Methoden und Techniken des Projektmanagements). Im Rest der Zeit gönne ich mir einzelne Coaching-Klienten und führe zusammen mit Kollegen "systemisch-konstruktivistische Coaching-Ausbildungen" - inklusive einer relativ aufwendigen biografischen Selbstreflexion - durch. Diese haben wir gemäß einem auf Deinen und Uli´s Erkenntnissen basierendem Coaching-"Modell" (ibo-Coaching-Kompass, s. Anlage) fortgeschrieben. Diese Quellenangaben findest Du auch in unserem Change Management-Buch (http://www.amazon.de/Change-Management-%...n/dp/3921313740), welches ich Dir gerne zusende, ohne Dich damit langweilen zu wollen. - Falls Du Dich denunziert fühlen solltest, streiche ich auf Deinen Wunsch wieder die Quellen Augenzwinkern

Zurück zu Deinem Themenkomplex: Aufgrund meiner privaten, familiären, beruflichen, materiellen und existentiellen Selbsteinschätzung arbeite ich in der "radikalen Marktwirtschaft" - radikal deshalb, weil ein Ausstieg (oder Absturz) gnadenlos mit horrenden Einschnitten in das bestehende Lebensgefüge verbunden ist - auch wenn wir "in Europa immer noch sozialversichert auf der Insel der Glückseeligen" leben: "Wenn wir sterben" (http://www.amazon.de/Wenn-wir-sterben-Er...37981583&sr=1-1) ist das zwar (noch) nicht physisch, aber deutlich und drastisch in materiellen, sozialen und psychischen Dimensionen.

Nichtsdestoweniger unterschreibe ich Dein Pamphlet, sehe allerdings für mein individuelles Beispiel (noch) keine wesentlichen Alternativen. Vielleicht liegt´s an den nicht vorhandenen oder eben nicht entdeckten Ressourcen. Zumal die Alternativen in einem (familien-)systemischen Kontext zu entwickeln sind. Umso mehr beteilige ich mich gerne an einem Diskurs, der neben weltanschaulich-philosophischen Modelldiskussionen ganz konkret praktische Ableitungen ermöglicht. - Wenn sich ein entsprechender Waldgang ergibt, werde ich die Gelegenheit ergreifen.

Mit besten Grüßen
Michael

Dateianhang:
unknown Coaching-Ausbildung.pdf (725 KB, 140 mal heruntergeladen)


__________________
Michael Berger
25.03.2009 13:01 Michael Berger ist offline E-Mail an Michael Berger senden Beiträge von Michael Berger suchen Nehmen Sie Michael Berger in Ihre Freundesliste auf
Peter-W. Gester
In Memoriam: Georgia O'Keeffe und Alfred Stieglitz


images/avatars/avatar-589.jpg

Dabei seit: 08.01.2004
Beiträge: 862

Themenstarter Thema begonnen von Peter-W. Gester
RE: Leidartikel Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Lieber Michael,

vielen Daank für deine zylindrischen Grüsse.

Helvetia I
Gestern Abend kam ich aus Sankt Gallen zurück. Ich hatte mir die Zeit gegönnt, wieder etwas ins Mittelalter abzutauchen und endlich die Stiftsbibliothek zu besuchen. Ein prächtiger Laden, sehr beeindruckend. Insgesamt kleiner, aber noch viel wohlproportionierter, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ein absolutes Meisterwerk. Da ist das Inkunablen „stehlen“ noch eine wahre Lust, für den Bibliophilen allemal. Leider kann man nicht gleich auf der Galerie rumturnen, sondern braucht dazu eine Sondergenehmigung, die ich mir bei Gelegenheit besorgen werde, die Connections dazu bestehen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Stiftsbibliothek_St._Gallen
Deshalb würde ich mich (allein als Bibliophiler) über die Zusendung von deinem/eurem Change Management Buch freuen.

In der Stiftsbibliothek habe ich dann gestern meinen Begleitern meine Überlegungen zu meinen letzten Entwicklungen des Matrix Metamodells bekannt gegeben. Ich fand das war ein passender Rahmen.
Denn letztes Wochenende sind mir die theoretischen Lösungen der letzten Probleme des Matrixmetmodelles gelungen. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe daran ja auch lange genug herumgeschnitzt. Zwischendurch wollte ich mich schon mehrfach verzweifelt ins Taschenmesser stürzen, weil ich befürchtete es nie hin zu bekommen, aber nun ist es fertig. Ab heute wird nun das Lehrbuch geschrieben, weite Teilen waren ja schon in der Mache, nun ist es rund. Wenn das Modell jetzt fertig steht, ist es ganz einfach und klar, und ich frage mich wieso haste dafür wieder solange gebraucht, das hätte dir auch gleich einfallen können. So war es aber nicht. Scheins wollte Gut Ding wieder Weile haben, ich konnte es nicht zwingen, bevor es so weit war. Nun habe ich ein solides und hochstrukturiertes theoretisches topographisches Metamodell, das gleichzeitig Übersicht stiftet zwischen den Perspektiven
Rückblick • Einblick • Weitblick • Überblick • Durchblick • Ausblick
für die Anwendungsfelder Coaching, Beratung und Therapie zu den vier Dimensionen Anwendung, Weiterbildung, Selbstreflexion und Selbsthilfe.
Einschließlich naturwissenschaftlich topographischem Weltbild, Menschenbild und ein paar anderen Scherzen mehr. Endlich die hochproduktive eierlegende Wollmilchsau in Theorie und Praxis. Dollie das gelungene Genhybrid aus dem diskreten vogestrianischen Waldlabor auf vielen Waldgängen in stillen Diskussionen mit dem Zoffel ersonnen.
Nun kommt der „blöde“ Teil, die Aufschreiberei, die ich dieses Mal äußerst diszipliniert leisten werden, und ich fürchte das könnte sogar Spaß machen, weil ich das Modell so gelungen finde.
Aber nun genug des stinkenden Eigenlobs, nicht zu viel versprochen, sondern frisch ans Werk und gekritzelt.

Helvetia II, Charakterausformung und Topographie:
Übrigens nicht nur die bildgebenden Teile, sondern auch das Matrixmodell selbst erlauben nun elegante und intelligente Analysen wie die von Thomas Hürlimann in der FAZ:
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960...n~Scontent.html
Ein kleines Masterpiece zu den auch hier berührten Themen „Leviathan, Geld, Zeitgeist und Interaktion“. Der jetzige Titel „Sie haben Mundgeruch Herr Steinbrück“ hätte auch als Gendervariante heißen können: „Heidies Angst vor dem Oberförster“. Ein Masterpiece auch bzgl. einer Reflexion über Landschaft und Nationalcharakter, ein (uneingeforderter) Beweis, welche Vorteile ein topographisches Metamodell bietet, auch (oder gerade) wenn Ernst Jünger und Carl Schmitt zur „Möblierung“ des Metamodells erheblich beigetragen haben. Den Ernst Jünger Part habe ich ja schon mosaikhaft und kurz publiziert:
http://www.missing-link-institut.de/page...st-n-e-w-s-.php

Charakterausformung und Anthropologie:
Giacomo Casanova hat in seinen zehnbändigen Lebenserinnerungen nichts als die biographische Wahrheit geschrieben. Er war nicht der größte Prahlhans der Weltgeschichte und hat nicht Dichtung und Wahrheit abgeliefert, sondern nichts als die Wahrheit, darin ist sich die weltweite Casanovaforschung mittlerweile einig. Interessant war sein Leben eh; Eleganz und Eloquenz, also Bildung waren seine Dooropener. Damit hat er „(un-)ordentlich“ gegilamescht. Besagter Casanova saß bekanntlich im Alter melancholisch und misantrop auf Schloß Dux als Privatbibliothekar des Fürsten Esterhazy und reflektiert nun nicht nur über seine galanten Abenteuer, sondern darüber, was ist der Mensch, was war das Fazit seiner lebenslangen klinisch-anthropologischen Studienreisen kreuz und quer durch Europa und faßt wie folgt zusammen:
„Der Mensch wird von drei Trieben beherrscht: Dem Hunger, der Sexualität und dem Hass. Nur die Lust unterscheidet ihn vom Tier. Einzig der Mensch ist zu wirklicher Lust fähig. Er erwartet die Lust er sucht sie, er verschafft sie sich und erinnert sich ihrer, wenn er sie genossen hat. Aber der Mensch steht auf der gleichen Stufe, wie die Tiere, wenn er sich seinen drei Trieben überläßt, ohne dabei sein Denken zubeteiligen.“
Über den Charakter in Abhängigkeit der Lebensphase bemerkt er zudem klug:
„Ich habe alle vier Temperamente besessen: als Kind war ich phlegmatisch, als Jüngling sanguinisch, später cholerisch und schließlich melancholisch, was ich wahrscheinlich auch bleiben werde.“
Diese Sichten mag man teilen oder auch nicht. Sie werfen aber ein Schlaglicht darauf, warum ein Menschenbild und Triebmodell beim Coaching für Tiefenanalysen unumgänglich ist.
Ein Menschenbild und Triebmodell war natürlich den meisten systemisch konstruktivistischen (s-k) „Kollegen“ egal, bestenfalls gab es biologistische Wassersuppe. Höflich ausgedrückt, das erschien Ihnen überflüssig wie Gulasch am Ärmel. Im Gegenteil, die dünne s-k Brennsuppe, die zu fixen funktionalen Einsichten nicht nur aufforderte, sondern sie ultimativ zu ermöglichen, schien ihnen ein trefflicher Nachen zur schnellen (oder notwendigen) Mark, dabei ruderten sie nur über den eigenen biographischen Rubikon. Jetzt, mit der Wirtschaftskrise kommt der Katzenjammer.
Ob und in wie weit - von welchen Vordergrunds- bis zu welchen Hintergrundsebnen - man dann mein kleines, klares Metamodell bedienen kann, liegt an dem übersichterzeugenden Bildungsmobilar, das man in seinen cerebralen Aservatenkammern zur Verfügung hat, daran wird sich dann erweisen, welche Unterscheidungsoperationen möglich sind, um kurz auf Spency (Brown) zu rekurrieren.

__________________
Mit swinging solutions
pwgester.de
26.03.2009 15:58 Peter-W. Gester ist offline E-Mail an Peter-W. Gester senden Homepage von Peter-W. Gester Beiträge von Peter-W. Gester suchen Nehmen Sie Peter-W. Gester in Ihre Freundesliste auf AIM-Name von Peter-W. Gester: peterwgester
Michael Berger
Mitglied


images/avatars/avatar-55.gif

Dabei seit: 22.01.2004
Beiträge: 93

RE: Leidartikel Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Lieber Peter,

der Artikel von Herrn Hürlimann beschreibt ein Meta-Genogramm - wenn ich es so verkürzt bezeichnen darf - auf eine literarisch gelungene Art und Weise.

Der Verweis auf Dein Buch macht mich sehr neugierig. Kann ich in der Zwischenzeit meinen Kenntnisstand von 2004 über das MATRIX-Coaching aktualisieren?

Das Buch ist unterwegs - für eine Rückmeldung (vielleicht Rezension?) wären die Kollegen und ich Dir natürlich dankbar.

Wir versuchen in unserer Coaching-Ausbildung ein Spagat zu vollziehen, welches zwischen z.T. relativ naiven Erwartungen unserer Kunden (Organisatoren, Controller, Revisoren, Projektleiter, Personalentwickler, etc.) und dem Anspruch gerecht wird, ein Modell und darin enthaltene Methoden und Techniken, sowie die Reflexion - und damit idealerweise: Selbst-Erkenntnis - in der Anwendung systemisch-konstruktivistischer Instrumente anzubieten. Sowohl durch eine aufwendige biografische Selbstreflexion als auch Supervision eigener Coaching-Gesppräche mit Übungs-Klienten soll der Bezug zu den eigenen Sichtweisen hergestellt werden. Ziel ist zum einen die Reduktion von möglicher Problemtrance, zum anderen die Erfahrung zu vermitteln, dass Coaching auf allen 3 Ebenen (Handlungen, Muster und Sinn) stattfinden kann. Dabei soll die Bedeutung eigener Denk- und Handlungsmuster des Coaches vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie erkennbar werden.

Wir sind uns - vor allem im Rahmen der Dauer - der Grenzen der Machbarkeit bewusst. Es handelt sich um den unvollständigen Ansatz einer Quadratur des Kreises im Kleinformat. Im Einzelfall erschüttern wir die naiven Sichtweisen linear-kausalen Denkens in einer vermeintlichen Welt der technisch-strukturellen Steuerbarkeit.

Der Literaturverweis und die entsprechende inhaltliche Ergänzung wird bei Wikipedia gerade geprüft und anschließend freigegeben.

Beste Grüße
Michael

__________________
Michael Berger
27.03.2009 13:42 Michael Berger ist offline E-Mail an Michael Berger senden Beiträge von Michael Berger suchen Nehmen Sie Michael Berger in Ihre Freundesliste auf
Peter-W. Gester
In Memoriam: Georgia O'Keeffe und Alfred Stieglitz


images/avatars/avatar-589.jpg

Dabei seit: 08.01.2004
Beiträge: 862

Themenstarter Thema begonnen von Peter-W. Gester
RE: Leidartikel Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Lieber Michael,

vielen Dank für die Wikigeschichte.
Das ganze Leben ist eine Aneinanderreihung von prolematischen, und schwierigen Situationen, das scheint mit dem Alter eher zu- als abzunehmen, shit happens all the time, man braucht ja nur die Tagesschau anzuschalten.
Deine kurze Analyse ist ja richtig, nur viel zu milde und greift zu kurz, meine ich.
Das ganze Ressourcen- und Lösungsgequake halte ich, wie schon gesagt für systemische Folklore in einer psychosozial sich selbstverblödenden Gesellschaft. Das funktioniert nur in der Weiterbildung ist aber nicht realitätsfest. Viele Individuen scheinen häufig nicht mehr Willens und in der Lage zu sein längeren Frust, längere Durststrecken und weiteren Schlamassel mit klaren und übersichtbilden Analysen begegnen zu können und knicken Shoppend und Pudding mampfend weg. Es wird ja nicht umsonst auch vom narzistisch-oralen Zeitalter feuilletonisiert.
Das Problem dieser Gesellschaft sind nicht zwei anorexietote Modells pro Jahr, sondern Übergewicht, Überfressenheit (siehe oben Adipositas III), Gier usw..
Als verkürzte Quellenhinweise seien genannt:
Löhr, D., 2008: Die Plünderung der Erde. Anatomie einer Ökonomie der Ausbeutung. Ein Beitrag zur ökologischen Ökonomik. Verlag für soziale Ökonomie. Kiel.
Ziegler, J., 2008: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung. Goldmann. München.
An Winnenden und vielen anderen "symbolischen" Verdichtungen, die scheinbar urplötzlich, völlig überraschend und zusammenhangslos an die Oberfläche ploppen, kann man das auch bei uns ablesen. Wenn du davon nur von naiv sprichst, ist das ja noch sehr gutwillig.
Das "Dumme" an diesen Geschichten ist, das das Leben auch in Europa ständig strenge Prüfungen (E. Jünger) in petto hält, auf die die Kandidaten mit der entsprechenden Strenge und dem entsprechenden Ernst zu reagieren hätten, sonst fällt man schnell mal durch diese Prüfungen. Neben der entsprechenden Strenge in der Reaktion hat man sich dabei natürlich bestens bei froher Laune und guten Mutes zu halten. Das ist die nicht ganz so einfache tägliche Quadratur des Kreises. Da trennt sich die Spreu vom Weizen.

Was die Weiter- und Neuentwicklung der MATRIX anbetrifft, bin ich ja gerade feste zu gange. In diesem Jahr gibt es dazu den Verschreibungs Workshop und die MATRIX-Weiterbildung ab Herbst. Im nächsten Jahr werde dazu weitere und verschiedene Themeneinzelworkshops und Seminare anbieten, in denen ich die Weiterungen und Neuerungen vorstellen, demonstrieren und diskutieren werde.
Jetzt muß ich weiterschreiben.

__________________
Mit swinging solutions
pwgester.de
27.03.2009 17:10 Peter-W. Gester ist offline E-Mail an Peter-W. Gester senden Homepage von Peter-W. Gester Beiträge von Peter-W. Gester suchen Nehmen Sie Peter-W. Gester in Ihre Freundesliste auf AIM-Name von Peter-W. Gester: peterwgester
Baumstruktur | Brettstruktur
Gehe zu:
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Coaching Club » Öffentliche Foren » Leit(d)artikel » Leidartikel

Impressum

Forensoftware: Burning Board 2.3.6, entwickelt von WoltLab GmbH